Nürnberger Nachrichten – Das Porträt

Denkmäler für die unschuldigen Toten

Kunst gegen das Vergessen: bruno da Todis Holzstelen für die Opfer von Terror und Gewalt
 Der lange, schmale Holzpfahl auf dem Arbeitstisch im Atelier von bruno da Todi ist grob behauen, menschliche Körper sind darauf angedeutet – ein chaotisches Geflecht von Leibern. „You will never break us“ (Ihr werdet uns nicht zerbrechen) ist auf einer der Seiten eingeritzt – das mutige Bekenntnis der Londoner Bevölkerung nach den kürzlichen Anschlägen von Terroristen.

Gewalt, Qual, Tod: Auch in seiner neuesten Arbeit befasst sich der seit über 20 Jahren in Nürnberg lebende Italiener mit den großen Tragödien der Menschheit: Auschwitz, die Hinrichtung der Geschwister Scholl oder die Terroranschläge vom 11. September 2001 in New York sind Themen, die er auf sehr unmittelbare und mitfühlende Weise und in seiner ganz eigenen Technik künstlerisch umsetzt.

Materialien mit Geschichte

Seit fünf Jahren arbeitet er ausschließlich in Holz, hat sich von der Malerei komplett abgewendet. Nicht die lockere Pinselführung bestimmt seine Kunst, sondern die harte körperliche Arbeit. Er treibt das Werkzeug in alte Türen und Tischplatten, beschnitzt detailreich Holzlatten und Pfähle, beklebt Partien des Holzes mit Stoffresten und versiegelt sie mit Schellack, brennt die Oberflächen weg oder kratzt sie frei. „Ich brauche die Realität in meinen Bildern“, sagt er über seine Arbeiten, für die er immer Materialien mit Geschichte verwendet: Möbelstücke, die er von Freunden bekommt, Holz mit Gebrauchsspuren, ausrangierte Kleidung.

Imme geht es ihm dabei um den Menschen – zumeist als Opfer und Ziel von Gewalt. Den unschuldigen Toten setzt bruno da Todi anrührende Denkmäler. Geschnitzte Totempfähle als bedrückendes Mahnmal gegen Terror und Barbarei. Jedem einzelnen der Opfer von Madrid, die durch die Anschläge im März vergangenen Jahres umkamen, hat da Todi ein Andenken bewahrt: Liebevoll sind Männer, Frauen, Kinder auf schmalen Holzlatten gestaltet, mit Stoffresten beklebt, um Geschlecht und Alter anzudeuten, und die bedrückende Gesamtzahl der Opfer ist unter jeder Gestalt erneut eingraviert: 191.

Hoch ragen in dem Atelier in der Fürther Straße die beiden Türme auf, die der Künstler nach den Anschlägen von New York gestaltet hat: Menschen stürzen kopfüber in den Tod, Helfer versuchen, Leben zu retten. Angeordnet sind die Szenen auf dem Holzblock in klar abgezirkelten Quadraten, die an Fernsehbildschirme erinnern: Das Inferno als mediales Ereignis. Mit dieser berührenden Arbeit war der Italiener im Jahr 2002 bei der Ausstellung zum Kunstpreis der Nürnberger Nachrichten vertreten. Jetzt steht sie neben vielen anderen „Gedenkstelen“ in seinem Arbeitsraum.

Da Todis Werke sind sozialkritisch, anklagend, mitfühlend und vermitteln ihre Themen sehr direkt, fernab von Theorielastigkeit. „Es geht aber nicht immer um Dramen“, betont er und zeigt Bildtafeln mit Sternen und Blumen, literarischen Adaptionen und Arbeiten zum Thema Menschenrechte.

Geboren wurde der Künstler 1937 unter dem Namen Bruno Spita. Auf seine Herkunft aus Todi, „der schönsten aller Städte“ ist er stolz und verdeutlicht die Heimatverbundenheit im Künstlernamen. bruno da Todi studierte Kunst in Perugia, habilitierte und unterrichtete bis 1980 in der Hauptstadt Umbriens als Kunst-Professor. Über eine Einzelausstellung in München gelangte er 1981 nach Bayern und zog nach Nürnberg.

„Entweder man macht die Kunst, die andere mögen, oder man lebt für seine Kunst“, sagt er. Um sich seinen Lebensunterhalt zu sichern, gibt er Italienischkurse. Auch beim Sprachunterricht setzt er seine künstlerische Begabung ein: Mit eigenen Zeichnungen lehrt er Vokabeln und Grammatik. „Bruno hat die außergewöhnliche Begabung, die fremde Sprache über Bilder zu vermitteln“, sagt einer seiner Schüler.

BIRGIT RUF